Einblicke
in ein bewegtes und bewegendes Leben
Mit 83 Jahren ist Hartmut von Hentig
– Pädagoge, Publizist und engagierter Bürger – eine gefragte
Persönlichkeit. Er strahlt Gelassenheit aus, zugleich höchste
Wachheit und dieses auffallend große Interesse an bildungspolitischen
Entwicklungen, das ihn durch viele Jahrzehnte seines erfahrungsreichen
Lebens begleitet hat.
von
Maria Vötter
Sein
Verlag habe ihn zu einer Lesereise verdonnert, weil sich dicke Bücher
so schlecht verkaufen würden, bemerkte Hartmut von Hentig schmunzelnd
bei seinem Auftritt Anfang Oktober 2008 in Auer; er sei kein guter Leser.
Mit
den wunderbar erzählten Lebenserinnerungen gibt Hentig den Leserinnen
und Lesern die Möglichkeit, an seinem sehr bewegenden Leben vor
dem Hintergrund einer bewegten Geschichte Anteil zu nehmen.
Im
1. Band beschreibt er seine Kindheit und Jugend in den Zwanziger- und
Dreißigerjahren in einer hochgebildeten Familie in San Francisco,
der Mark Brandenburg, Bogotá, Amsterdam und Berlin. Geboren 1925
in Posen als Sohn des Diplomaten Werner Otto von Hentig und dessen Frau
Natalie, wächst Hentig – nach der Trennung der Eltern – mit seinen
Geschwistern in der Obhut des Vaters auf. Er hebt das pädagogische
Geschick seines Vaters hervor und spricht von prägenden Erfahrungen.
In Berlin erlebt Hentig die Triumphe des Nationalsozialismus und wird
zum Militär eingezogen, während sein Elternhaus bei einem
Luftangriff zerstört wird. Verwundet und aus der Kriegsgefangenschaft
entlassen, beginnt Hentig das Studium der Alten Sprachen in Göttingen.
Ein glücklicher Zufall bringt ihn wieder nach Amerika, wo er an
die University of Chicago völlig neue Ideen von Demokratie und
Bildung kennen lernt.
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Hartmut
von Hentig: Mein Leben – bedacht und bejaht. Kindheit und
Jugend (Bd. 1); Schule, Polis, Gartenhaus (Bd. 2), Hanser
2007
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Der
2. Band beginnt mit der Rückkehr nach Deutschland. Ab 1953
wirkt Hentig als Lehrer, wobei er zunächst im Internat Birklerhof
die Lust und Not des Erziehens entdeckt, dann am Uhland-Gymnasium in
Tübingen die Kunst des Unterrichtens erprobt und auch an Grenzen
stößt. Er habe gelernt, was eine Person verliert, wenn sie
Stärke vortäuscht, sagt Hentig über diese Zeit; es sei
damals zur Stärkung der Menschen notwendig gewesen, sich von falschen
Sicherheiten zu befreien. 1963 wird Hentig als Ordentlicher Professor
und Direktor des Pädagogischen Seminars an die Universität
Göttingen berufen. 1968 wechselt er an die Universität Bielefeld
, wo er 1974 mit der Laborschule und dem Oberstufenkolleg neue Instrumente
der Reform erfindet. Er strebt – im Gegensatz zu den 68ern – keine grundsätzliche
Kritik an, sondern Aufklärung über die von Menschen gemachten
Systemzwänge und eine selbst bestimmte Zustimmung zu Institutionen,
die nur über Bildung erreichbar sei.
Die
Überschriften der 12 Kapitel des ersten Teils von Hentigs Erinnerungen
lauten: Meine Absicht/ Lebensanfang/Ein Schulkind/Knabenalter/Verselbständigung/Ein
deutscher Jüngling/Kein Held/ Soldatsein/1945 – Das Jahr der Befreiung/Student
der alten Sprachen/Student der Neuen Welt/Der Klausner.
Die
10 Kapitelüberschriften des zweiten Teils – Lehrjahre/Lehrerjahre/Allotria
oder Nicht-nur-Lehrer-Jahre/Ordentlicher öffentlicher Professor/Der
„pädagogische Onkel“/Schulgründer/ Schulmacher/ Rechthaber
und Realist/Auch als Zeitgenosse noch „im Dienst“/Ein alter Mann in
Berlin – verdeutli-chen, wie sehr persönliche Erinnerung auch Zeitgeschichte
widerspiegelt.
Das
Werk kommt einem Bildungsroman gleich, geschrieben als Versuch der Erinnerung
und als Versuch, die eigene Entwicklung zu verstehen. „Für alle,
die einmal meine Schüler waren“, steht als Widmung am Beginn. Ich
zähle mich auch dazu, bin ich dem Menschen, Pädagogen und
Kosmopolit Hartmut von Hentig doch unzählige Male in seinen Büchern
begegnet. Nun gehört er zu den großen Memoirenschreibern.